Vorgestellt: Die Fotografin Sarah Berger

Schwarz-weiße Kontraste, mal weich, mal hart, Menschen, die sich in verletzlichen Posen zusammenziehen oder frontal in die Kamera blicken. Das ist die Welt von Sarah Bergers Fotografie, die ich euch heute zeigen möchte.

Sarah fotografiert jedoch nicht nur, sondern schreibt auch Texte, die man in ihrem Blog oder auf ihrer Facebook-Seite in Kombination mit ihren Bildern finden kann. Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt:

Ich habe ein bisschen spioniert und deiner Webseite entnommen, dass du erst Philosophie und dann Fotografie studiert hast. Du schreibst Texte und machst Bilder. Wie gehen diese Themenbereiche bei dir Hand in Hand, und wie hat sich das eigentlich entwickelt?

Wir sprechen hier von einem Prozess der über 10 Jahre dauert und auch noch heute läuft. Ich kann sagen, dass ich z.B. schon immer (also seit ich schreiben konnte) literarisch geschrieben habe. Auch die Photographie war schon in meinen jungen Jahren da – es gibt z.B. aus meiner Jugend kaum Bilder von mir, da ich immer die Bilder gemacht habe auf Party usw. Mit dem Studium kam dann natürlich eine geistige Entwicklung dazu. Ich hab mich für bestimmte Gedanken interessiert – vor

Foto von Stefan Ringelschwandtner

allem den deutschen Idealismus und die Postmoderne. Mir fehlte aber im wissenschaftlichen Arbeiten immer dieser Moment, wo ein bestimmter Gedanken dann in konkretes Handeln übergeht – ich habe schnell gemerkt, dass ich eigentlich keine Wissenschaftlerin bin. Ich habe dann zwar meine Abschlussarbeit in Moralphilosophie geschrieben aber mir hat dieses wissenschaftliche Arbeiten nicht “gereicht”. Da setzt für mich die Kunst an. Mittels Literatur und Photographie habe ich das Gefühl, mich ganz frei mit abstrakten Gedanken und Problemen auseinandersetzen zu können und sie anderen näher bringen zu können. Ich muss nicht an wissenschaftliche Richtlinien halten, sondern kann ganz frei assoziieren und habe aber automatisch die Möglichkeit, diese abstrakten Gedanken in eine Lebenswelt zu überführen. Am meisten beschäftigt mich dabei immer das Verhältnis zwischen Ich und dem Anderen, die Isoliertheit des eigenen Selbst im Kontrast oder im Moment, des sich Öffnens und die Frage, ob man überhaupt verstanden werden kann. Insofern bildet Philosophie für mich schon meine künstlerische Grundlage und Literatur und Photographie sind meine künstlerische Sprache.
 
Woher ziehst du deine Ideen und Themen dabei? Gibt es Sachen, die dich besonders beeinflussen und inspirieren?

Ja. Das ist wieder zum Einen Philosophie und Literatur – z.B. gibt es bestimmte Texte oder Ideen, die mich einfach aufreiben, die ein mir vertrautes Problem verhandeln und ich versuch das dann durch Bilder oder literarische Sprache greifbar zu machen. Das wäre z.B. Hegels Phänomenologie des Geistes oder Lacans Psychoanalyse. In der Literatur sind das vor allem Kafka, Gottfried Benn, Pessoa. Und eigentlich die Welt, mein Umfeld, Dinge die ich wahrnehme, die mir oder anderen passieren. Schwer zu beschreiben, wie so ein kreativer Prozess wirklich abläuft – ich muss ja jetzt quasi rückwärts gehen. IN der Photographie sind es eher ganz konkrete Problemfelder – z.B. Einsamkeit, Isoliertheit – wie stellt man solch abstrakte Begriffe da, wie vermittelt man das Gefühl ohne ins Kitschige abzurutschen oder immer das gleiche Bild eines traurigen Mädchens am Bettkastenrand zu zeigen. Das ist für mich dann auch einfach eine Herausforderung.
 

 
Hast du ein Lieblingsbild unter deinen Arbeiten, bei dem du diese Ansprüche am Besten umgesetzt siehst? Wenn ja: Welches und wieso?

Ich bin sehr kritisch zu mir selbst und habe nicht das Gefühl, dass mir das, was ich oben beschrieben habe in der Photographie allein schon leisten kann. Deshalb kombiniere ich oft Bilder mit literarischen Texten und kleinen Aphorismen – und oft kombiniere ich das gleiche Bild mit unterschiedlichen Texten. Also ich remixe mich quasi selbst immer wieder. Eines meiner Lieblingsbilder kann ich nicht zeigen. Es ist ein weiblicher Akt aber die Protagonistin will nicht im Internet erkennbar auftauchen – aber ich zeige das Bild gern bei Ausstellungen. Ich nehme daher ein anderes Bild mit der gleichen Darstellerin. Es zeigt einen etwas abstrakt gewundenen Körper mit einer großen Narbe in der Körpermitte. Mir gefällt das Bild aus zwei Gründen: Sie steht im absoluten leeren Raum, ist komplett auf sich selbst zurück geworfen – wenn ich im Studio photographiere oder vor der weißen Wand, habe ich das Gefühl im Innenleben zu sein und ganz nah am Gedanken. Und natürlich die Narbe und das Gewundensein – dazu Gottfried Benn: Es gibt nur zwei Dinge: Die Leere//und das gezeichnete Ich” … genau dieser Gedanken steckt für mich in diesem Bild oder zumindest habe ich versuchen, diesen Gedanken zu erzählen oder erfahrbar zu machen.
 

 
Du fotografierst hauptsächlich Menschen, soweit ich sehen kann. Wer sind diese Menschen, die du uns zeigst?

Das sind vor allem Freunde von mir oder Menschen, die ich mal auf der Straße angesprochen habe, weil sie mich irgendwie inspiriert haben oder, was ich in letzter Zeit oft mache, Menschen von Twitter. Das funktioniert unglaublich gut. Immer wenn ich ein neues Projekt habe, frage ich auf Twitter, ob jemand Lust hat und es melden sich echt viele und das ist super spannend. Wenn man jemanden über diesen künstlerischen Weg kennen lernt ist es echt noch mal was ganz anderes, als sich einfach in der Bar zu begegnen. Nicht besser oder schlechter aber anders – es wird eben sehr schnell intim und ich mag diesen Moment, wenn sich mir jemand öffnet – das gibt mir viel Energie.
 
Wie läuft dann so ein Shooting mit dir ab?

Erst mal wird gequatscht. Wenn es eine ganz fremde Person ist, muss ich erst mal wissen, ob wir connecten. Man muss sich nicht sofort kennen aber ich brauche eine Verbindung zu der Person. Ich versuche sehr aufmerksam zuzuhören, ich gebe dem anderen viel Raum, ich will wissen, wer die Person ist. Das kann dann gerne erst mal so zwei drei Stunden ohne Kamera ablaufen. Manchmal fange ich einfach so an, ein bisschen zu photographieren, um mein Model an das Geräusch zu gewöhnen. Und auch daran, dass sie mein Gesicht dann nicht mehr sieht. Wenn ich das Gefühl habe, jetzt ist was da – so eine gemeinsame Stimmung, jetzt passiert was, gehts los. Manchmal gebe ich aus erst mal irgendwelche Anweisungen oder erzähl erst mal selbst irgendeine Geschichte, versuche die Stimmung zu öffnen, zu der ich hin will. Ich will bei einem Menschen die Mischung aus Model und Mensch – ich will keine Portraits machen, ich will nicht die Person zeigen aber ich will ein Gefühl vermitteln durch die Person. Manchmal mache ich auch wirklich Portraits aber in der Regel sehe ich dann auch auf dem Bild Personen eher abstrakt.
 
Die Bilder zeigen die Personen oft sehr verletzlich. Wie reagieren die Leute drauf, wenn sie sich dann so auf den fertigen Bildern sehen?

Oh, interessante Frage. Da das Thema der Bilder von Anfang an klar ist (ich benutze niemanden, sondern was ich am Ende haben will, lege ich ganz frei und jeder kann selbst entscheiden, ob er Teil davon sein will oder nicht) reagieren die meisten erst Mal mit Erstaunen. Sie finden es oft schön, haben sich selbst so aber noch nicht gesehen. Manchmal ist das dann schon auch schwierig für die Person aber auch da biete ich das Gespräch an und eigentlich sind das immer sehr gute Momente. Es ist eben oft so, dass so ein künstlerischer Prozess beiden Seiten viel geben kann – für das Model bedeutet es, sich noch mal auf eine ganz andere Art und Weise wahrgenommen zu fühle und dann auch selbst wahrzunehmen. Ich vermittele ja auch, dass Verletzlichkeit z.B. etwas ganz natürliches, dem Menschen inhärentes ist. Etwas, womit sich jeder auseinandersetzen muss – z.B. wenn es um Sterblichkeit geht. Ich glaube im Großen und Ganzen sind die Reaktionen positiv – ich kann mich gerade an keine Situation erinnern, wo jemand sein Bild zurückgezogen hätte (die Option stelle ich auch frei, ich zwing niemanden, mir das Bild zu überlassen). Und ich zeige mich im Moment des Photographierens auch von meiner verletzlichen Seite – ich öffne mich ja selbst auch sehr und bekomme dann eben auch Offenheit zurück.
 

 
Das klingt nach einem sehr ehrlichen Shooting – eine Situation, in der sich beide Seiten offen zeigen und zwischen denen die Kamera als Transport-/Kommunikationsmittel steht?

Das ist zumindest die Situation, die ich erzeugen will. Es gelingt mir nicht immer aber ich habe da natürlich ein paar Methoden entwickelt. Zum Beispiel mache ich erst Mal ein paar Komplimente. Das klingt jetzt nach Kalkül, aber das stimmt nicht. Ich entdecke bei jedem Menschen etwas, dass wunderschön ist oder mich fasziniert und ich finde es wichtig, dass dann auch zu artikulieren. Die Kamera ist ja an sich immer ein Hindernis, es ist ja immer ein Darstellungsapparat, ein Vermittlungsprozess. Am Ende steht da nicht der reine Mensch, sondern auch nur das, was ich in dem Menschen sehe.
 
Wenn du jetzt in die Zukunft guckst: Was für ein Projekt würdest du gerne mal unbedingt machen?

Uff. Schwierige Frage. Ich arbeite gerade an meinem zweiten Roman und muss parallel viel arbeiten. Photographie ist gerade ein bisschen in den Hintergrund gerückt – was aber eigentlich nur an der Zeit liegt. Sobald ich viel Zeit für Kunst habe, läuft Schreiben und Photographieren parallel, geht ineinander über und bedingt sich gegenseitig. Und natürlich darf man auch nicht einfach so seine Ideen preis geben (vor allem nicht im Internet) – ich glaube ein Herzensprojekt wäre tatsächlich ein Buch oder ein Blog, auf welchem ich wirklich Bilder und Text in einer ansprechenden und neuen Art und Weise präsentiere. Ich habe noch nicht den besten Weg gefunden, beides richtig miteinander zu verbinden. Momentan mache ich vor allem Körperstudien und Lichtstudien, weil ich eine neue Kamera teste und einarbeite. Leider kann ich die Frage nicht besser beantworten – ich arbeite mich immer so von Idee zu Idee. Aber ich habe das Gefühl, noch nicht da zu sein, wo hin will – also das wird denke ich, meine Zukunft bestimmen – Kunst ist ja immer ein Weg zu sich selbst.

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